Rezension

Han Kang: Die Vegetarierin

Yong-Hye und ihr Mann führen ein unauffälliges Leben, bis sie plötzlich zu träumen beginnt. Diese Träume stellen alles auf den Kopf, denn Yong-Hye beschließt von nun an, als Vegetarierin zu leben. Auch wenn ihr Mann nie zu große Erwartungen an die arrangierte Ehe hatte: Die neue Angewohnheit seiner Frau macht ihm zu schaffen. Das Wesen seiner Frau verändert sich, Yong-Hye zieht sich immer mehr aus der Gesellschaft und dem eigenen Leben zurück. Nicht nur die Ehe gerät so aus den Fugen, auch Yong-Hyes Eltern und Schwester können nicht verstehen, was mit Yong-Hye passiert.

„Die Vegetarierin“ landete schon vor Erscheinung auf meiner Wunschliste. Das wirklich schöne Cover ist da nur zweitrangig, denn neben dem ansprechenden Klapptext wollte ich den Roman vor allem lesen, weil Südkorea für mich bisweilen ein unentdeckter Ort war und mir„Die Vegetarierin“ passend für den Einstieg erschien.

Ich versprach mir also vor allem neue Eindrücke und ein außergewöhnlich guten Roman, denn Han Kann gewann mit ihm den renommierten Man Booker International Prize. Zurecht? Ja! Aber das will nicht heißen, dass die gerade einmal 190 Seiten nur mit Freude zu lesen sind.

Die Erzähler – bei diesem kurzen Roman immerhin drei Personen – sind von Anfang bis Ende mehr oder weniger unsympathisch. Zunächst wäre da der Ehemann, der harte Wörter in einer unglaublichen Sachlichkeit ausdrückt. Bloß nicht auffallen – so lautet seine Devise – und damit wird die Ehe mit Yong-Hye immer mehr zum Hindernis.

Abgesehen von dieser Kleinigkeit lief unsere Ehe gut. Wir waren nun schon fast fünf Jahre verheiratet, und da es keine Liebesheirat gewesen war, konnte es uns auch nicht passieren, dass  unsere Leidenschaft abkühle und wir in Gleichgültigkeit und Langeweile versanken.“

Der Schwager von Yong-Hye hingegen fühlt sich von seiner Schwägerin sexuell angezogen. Er nutzt sein Dasein als Künstler, um die physisch bereits sehr angeknackste Vegetarierin auszunutzen. Seine Frau – Yong-Hyes Schwester – scheint als einzige Erzählerin am Wohle ihrer Schwester interessiert zu sein, und steckt Yong-Hye schließlich in die Psychiatrie.

Das es in „Die Vegetarierin“ um mehr als das fleischlose Essen geht, ist von Beginn des ersten Satzes klar. Den Vegetarismus lässt sich dabei als Metapher für die gesellschaftlichen Zwänge in Korea und anderen Teilen der Welt verstehen. Wer will ich sein und wer kann ich sein – was in Deutschland überwiegend von uns selber entschieden wird, ist in Ländern wie Südkorea stark von der Gesellschaft geprägt. Die Autorin schafft es gerade zu Beginn, dem Leser den damit verbundenen Druck nahe zubringen. Der Ideenreichtum dieses Buches führt meiner Meinung jedoch auch dazu, das einige Handlungen nur schwer nachzuempfinden sind.

Positiv überrascht war ich von den starken Bildern, mit denen die Autorin Hang Kan noch lange nach dem Lesen nachklingt. Was andere Autoren in mehreren hundert Seiten nicht schaffen, schafft Hang Kan in weniger als 200: Große Emotionen hervorrufen. So nehme ich durch das Lesen auch eine große Traurigkeit mit, denn auch wenn Yong-Hye selbst nicht zu Wort kommt, so ist die Traurigkeit ihrer Person doch präsenter als die Gefühle der anderen Figuren.

„Das Leben ist schon seltsam, denkt sie sich nach einem Lachanfall. Egal, was passiert, selbst nach einem schrecklichen Ereignis isst man trinkt man, geht auf die Toilette, wäscht sich. Kurz, das Leben geht weiter.“

Han Kang: Die Vegetarierin
Aufbau Verlag, 2016
191 Seiten, € 18,95

Weitere Rezensionen auf: Die Buchbloggerin und (eine ausführlichere Besprechung auf) Zeilensprünge

Die Vegetarierin wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar vom Aufbau Verlag zur Verfügung gestellt.
Vielen Dank!

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1 Kommentar

  • Antworten
    Buchbahnhof
    20. Mai 2017 at 18:40

    Hallo Nina,
    Danke für die Rezension. Ich habe mir das Buch vor einiger Zeit für 50 Cent auf dem Flohmarkt gekauft. Das Buch interessiert mich schon länger, aber die doch sehr unterschiedlichen Meinungen hatten mich davon abgehalten, es mir für den vollen Preis zu kaufen. Für 50 Cent kann man nun wirklich nichts mehr falsch machen. Ich bin sehr gespannt, ob ich ähnliche Empfindungen habe, wie du sie hier schilderst.
    LG
    Yvonne

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